Christi Himmelfahrt und Pfingsten – Was uns diese Fete bedeuten?

 

Die Geschichte von „Jesu Himmelfahrt“ ist nicht zu verstehen ohne die Auferstehungsgeschichten im Neuen Testament. Darunter unterscheidet man den Bericht im 1. Korintherbrief, Kapitel 15, den Paulus geschrieben hat, von den Aussagen der vier Evangelien (Matthäus 28, Markus 16, Lukas 24, Johannes 20,). Die Auferstehungsgeschichten sind auch Erscheinungserzählungen. Sie haben alle gemeinsamen Grundaussagen. Diese sind:

 

1)    Das Wiedererkennen Jesu in seiner Zuwendung zu den Jüngern (zum

 

Beispiel: Einladung zur Tischgemeinschaft)

 

2)    Die Sendung der Jünger Jesu hinaus in die Welt.

 

Diese Geschichten verweisen auf die Erhöhung Jesu durch die

 

Auferstehung und sprechen dann die Sendung aus und schließen mit der Verheißung des Beistandes.

 

3)    Die Erscheinungen bleiben auf Menschen beschränkt, die Jesus in seinen Erdentagen nahe standen.

 

Nun fällt auf, dass gerade die Sendung der Jünger mit der Erhöhung Jesu verbunden ist, einem Motiv, das uns an die Himmelfahrtgeschichte erinnert.

 

Was ist aber das Typische an diesen Geschichten? Warum sind die

 

Auferstehungsgeschichten Erscheinungsgeschichten?  Zum einen erscheint Jesus als Mensch wie andere Menschen: Er wandert mit den Emmausjüngern; er lässt seine Wunden durch Thomas berühren; er lässt sich sogar ein Stück Fisch zum Essen reichen, um seine wahre Leibhaftigkeit zu beweisen. Und doch ist er nach diesen Erzählungen nicht einfach ein wiedergekommener Mensch wie vor dem Tod. Daran erkennt man, was der Vorgang „erscheinen“ bedeutet: Jesus kommt durch verschlossene Türen; er steht plötzlich in ihrer Mitte. Und ebenso entzieht er sich plötzlich wieder, wie am Schluss der

 

Emmausgeschichte. In der Auferstehungsgeschichte nach Johannes will Maria den Auferstandenen anrühren, ihn festhalten, aber Jesus sagt zu ihr: „Halte mich nicht fest“. Das wundert uns. Was ist damit gemeint? Sie kann ihn nicht berühren, nicht festhalten; die frühere Beziehung zum irdischen Jesus ist so nicht mehr möglich. Er ist ganz leibhaft und doch nicht an die Gesetze von Raum und Zeit gebunden. Er zeigt sich mit seinem Leib und ist doch frei von den Bindungen des Leibes. Das bedeutet: Er ist der Gleiche – leibhafter Mensch – und er ist der Neue, der in eine andere Weise der Existenz Hinausgetretene.

 

Er lebt also bereits nach seiner Auferstehung in der Dimension des lebendigen Gottes. Es gibt auch im Alten Testament solche Erscheinungen, zum Beispiel die

 

Gotteserscheinung vor Abraham bei den Eichen von Mamre (1. Mose 18; 1 – 33). Drei Männer sind es, die bei Abraham einkehren. Und doch weiß Abraham sofort, von innen her, dass es der „Herr“ ist, der bei ihm zu Gast sein will.

 

Diese Geschichten sind freilich nur Analogien; denn das Neue der Erscheinung des Auferstandenen besteht darin, dass Jesus wirklich Mensch ist: dass er als Mensch gelitten hat und gestorben ist; dass er nun neu lebt in der Dimension des lebendigen Gottes und dass er als wahrer Mensch und doch von Gott her erscheint –also selbst Gott ist.

 

Nun berichten uns die Himmelfahrtserzählungen, dass diese Erscheinungen des auferstandenen Jesus nach 40 Tagen an ein Ende gekommen sind: Jesus ist endgültig zu Gott zurückgekehrt. Die Himmelfahrtserzählungen berichten also das Ende der Ostererscheinungen.

 

Wir kennen zwei Himmelfahrtserzählungen im Neuen Testament: Die Erzählung von dem Abschied in Bethanien in Lukas 24; 50 – 53 und auf dem Ölberg in Apostelgeschichte 1; 9 – 11.  Die Geschichten sind unterschiedlich. Die eine will das Evangelium abschließen, die andere die Apostelgeschichte eröffnen. In beiden Fällen wird aber der Abschluss der österlichen Erscheinungen angezeigt. Es ist eine Abschiedserscheinung, in der Jesus seine Jünger gesegnet hat und darauf –wie einst Henoch und Elia – in den Himmel entrückt wurde. In diesem Zusammenhang steht dann die Aussage von der Wolke, die ihn aufnimmt und den Blicken der Jünger entzieht. Die Wolke erinnert uns an die Stunde der Verklärung, in der die helle Wolke auf Jesus und seine Jünger fällt. Sie erinnert uns an die Stunde der Begegnung Marias mit dem Gottesboten Gabriel, der ihr die „Überschattung“ mit der Kraft des Höchsten ankündigt. Sie erinnert uns an das heilige Zelt des Alten Bundes, in dem die Wolke Zeichen der Gegenwart des Herrn ist, der auch auf der Wüstenwanderung Israel als Wolke vorangeht. Was bedeutet das? Die Wolke drückt aus, dass Jesus nicht eine Reise zu den Sternen angetreten hat sondern in den Bereich Gottes eingetreten ist. Damit ist eine ganz andere Größenordnung, eine andere Dimension des Seins angesprochen.

 

Das Neue Testament hat den Ort, an den Jesus mit der Wolke gegangen ist, im Anschluss an Psalm 110; 1 als „Sitzen zur Rechten Gottes“ beschrieben. Was heißt das? Damit ist nicht ein ferner Raum im Kosmos angesprochen, an dem Gott sozusagen seinen Thron aufgerichtet hat und auf diesem auch Jesus einen Platz gehabt hätte. Gott ist nicht in einem Raum neben anderen Räumen. Sondern er ist der Herr und Schöpfer über alle Räume. „Zur Rechten Gottes sitzen“ heißt, Teilhabe an dieser Herrschaft Gottes.

 

Weil Jesus bei Gott ist, ist er nicht einfach fort und weg sondern ganz in unserer

 

Nähe. Nun ist er nicht mehr an einer einzelnen Stelle der Welt wie vor der „Himmelfahrt“, nun ist er für alle – die ganz Geschichte hindurch – und allerorten mit seiner ganzen Macht gegenwärtig und abrufbar.

 

In den Berichten über die „Himmelfahrt Jesu“ wird auch der Glaube an die Wiederkunft Jesu bestärkt, zugleich aber auch betont, dass es nicht Aufgabe der Jünger ist, in den Himmel zu schauen oder Zeiten und Fristen zu erfahren. Ihr Auftrag ist jetzt, das Zeugnis von Christus bis an die Enden der Erde zu tragen.

 

Wir betrachten noch einmal den Schluss des Lukasevangeliums. Jesus führt die Seinen in die Nähe von Bethanien. Dann wird uns gesagt: Er erhob seine Hände und segnete sie. Und während er sie segnete, verließ er sie und wurde zum Himmel emporgehoben.“  

 

Jesus scheidet segnend. Segnend geht er, und im Segnen bleibt er. Seine Hände bleiben ausgebreitet über diese Welt. Die segnenden Hände Christi sind wie ein Dach, das uns schützt. Aber sie sind zugleich eine Gebärde der Öffnung, die die Welt aufreißt, damit der Himmel in sie hereindringe.

 

In der Gebärde der segnenden Hände ist das bleibende Verhältnis Jesu zu seinen Jüngern, zur Welt ausgedrückt. Im Weggehen kommt er, um uns über uns selbst hinaufzuheben und die Welt für Gott zu öffnen. Deswegen freuen sich die Jünger, als sie von Bethanien nach Hause gingen.

 

Wahrscheinlich zogen nun Jesu Jünger auf Grund der Ostererscheinungen schon beim nächsten Wallfahrtsfest nach dem Todespassa, zu Pfingsten, von Galiläa nach Jerusalem und hatten zusammen mit den Jüngern aus Judäa ein ekstatisches Erlebnis. Diesem Erlebnis folgten weitere Erfahrungen, die als Wirkung des Geistes verstanden wurden: ein prophetisches Reden, das die Erscheinung Jesu deutete und zugleich Visionen und Traumgesichte. In diesem Horizont wird der Heilige Geist auf alle Fälle als eine wunderbare Kraft Gottes verstanden, die den Menschen im Innern ergreift und wirkt, was aus irdisch – menschlichen Kräften nicht möglich ist. Der Geist bringt hervor, was Jesus wollte und durch seine Zuwendung in Gang brachte. Durch das Kommen des Geistes an Pfingsten werden die durch die Ostererscheinungen neu berufenen Jünger zur Gemeinde.