Ansprache zu Psalm 8/ Erntedank, 29.09.2019, Schmieh

 

Liebe Gemeinde,

 

in den Lesungen aus dem biblischen Schöpfungsbericht und den Meditationen dazu, die wir vorhin als Schriftlesung gehört haben, wird uns Gott als Schöpfer Himmels und der Erde und aller Kreaturen und als Geber aller guten Gaben und Güter dieser Erde vorgestellt und jeder von uns hat so seine Bilder und Vorstellungen davon im Kopf. Aber es fällt gar nicht so leicht, sich auch nur gedanklich neben die Mitgeschöpfe z.B. von Sonne, Mond und Sterne zu stellen. Sie sind ja so unvorstellbar groß und weit weg.

Und doch erreicht ihr Licht uns, nachdem es wiederum unvorstellbar lange unterwegs war, im wahrsten Sinne des Wortes täglich. Es gibt keine Abfolge von Tag und Nacht, keine Zeiteinteilung geschieht ohne Sonnenaufgang und – untergang.

Und fast noch mehr fasziniert der Himmel in einer klaren Nacht, wenn wir die geheimnisvolle Schönheit von Mond und Sternen bestaunen.

Die Faszination scheint gleich groß zu sein, ob nun das kleine Kind die „goldenen Schäfchen“ des Mondes zählen will, oder ob astronomisch Interessierte Erwachsene sterbende Sonnen ferner Galaxien entdecken und sich bewusst machen, dass das Licht der Sterne, das wir in der Nacht sehen, schon vor Jahrmillionen losgeschickt wurde. Für den Beter des 8. Psalms wie für die Schreiber des Schöpfungsberichts in 1. Mose 1+2, waren die Gestirne Lampen, die am Himmelsgewölbe über der Erdscheibe dahinziehen.

Trotz dieser völlig verschiedenen Weltbilder können wir auch heute unmittelbar einstimmen in sein Gebet: „Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“ (Psalm 8,4+5)

 

Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: hier bricht der begonnene Satz ab. Der Hauptsatz besteht sozusagen aus staunendem Schweigen. Der Blick in den Sternenhimmel kann uns Demut lehren, ein Gefühl für die wahren Größenverhältnisse. Diese Lektion in Demut ist heilsam gerade auch für uns heutige Menschen, die wir uns gerne zu Göttern und Göttinnen aufspielen wollen in unserem himmelstürmenden Machbarkeits- und Größenwahn. Die Demut weist uns den richtigen Platz zu zwischen Größenwahn einerseits und dem Gefühl von Verlorenheit und völliger Bedeutungslosigkeit andererseits.

Der biblische Schöpfungsglaube hilft uns aber auch zur richtigen Einordnung: Sonne, Mond und Sterne - so imposant sie uns erscheinen mögen – sie sind nichts als Geschöpfe: „Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast:“ Eine Eigenmächtigkeit der Gestirne kann hier nicht einmal im Keim aufkommen. So wunderbar und groß das alles ist, es ist Werk des Schöpfers, in jedem Augenblick ihm unterworfen, geleitet von seiner unsichtbaren Hand. Aber, könnte der Psalmbeter wohl bei seiner Sicht der Dinge bleiben, wenn er wüsste, dass die Gestirne nicht nur Lampen für die Erde sind; wenn er von den unendlichen Weiten des Alls wüsste, in denen sich irgendwo auch unsere Erde dreht? Ja! Der Psalmbeter wäre vermutlich fasziniert von den Schöpfungswundern, die noch größer sind, als er es ahnen und ausdrücken konnte. Er wäre davon fasziniert, wie weise geordnet die Schöpfung auch in diesen riesigen Dimensionen erscheint. Und obwohl unsere Erde so klein und unbedeutend erscheint im riesigen Universum; ausgerechnet diesen kleinen blauen Planeten hat Gott erwählt, um Leben entstehen zu lassen. Und uns kleine Menschen hat er sich zu seinem Gegenüber geschaffen. Nicht nur das Ergehen der Menschheit als ganzer, sondern jedes einzelne Menschenleben ist ihm wichtig. Er gedenkt unser und nimmt sich unser an, bis dahin, dass Gott sogar selbst Mensch geworden ist und das Leben mit uns auf diesem kleinen Planeten in Jesus geteilt hat. So kann ich mich voller Vertrauen immer neu direkt im Gebet an den wenden, der alles geschaffen hat und doch auch an mich denkt, mich mit allen guten Gaben versorgt und sich um mich kümmert.

 

Und ich wünsche uns, dass wir im Hinblick auf das Erntedankfest auch in diesem Jahr, gute und persönliche Gründe wieder haben, Gott Danke zu sagen. Gottseidank – das ist ein schön zusammengesetztes Wort. „Gottseidank“ (Gott aber sei Dank für seine unaussprechliche Gabe! 2 Kor 9,15), dass wir heute wieder aufstehen durften in diesen Tag hinein. Danke, dass wir denken, nach-denken können, dass wir allen Grund zu danken haben. Und wir gratulieren ihm: Gott, das hast du gut gemacht!

Danke für das Leben, das du uns gibst. Dankeschön für die guten Gaben, die wir zum Essen haben, danke für die frische Luft und was mir nie selbstverständlich werden darf. Danke für etwas, was mich überwältigt hat oder was in mir ein flüchtiges Aufatmen und ein Gott-sei-gedankt hervorrief.

Und die erstaunte Frage: Womit habe ich verdient, dass ich ‚Früchtchen‘ da bin, dass mir dieses Glück widerfuhr, dieser Mensch begegnet ist, dass ich aus dieser brenzligen Situation so glimpflich mit heiler Haut davonkam, dass ich das Verlorengegangene oder schon verloren Gegebene wiederfand?

 

Ja, es gibt Glücksmomente und Widerfahrnisse, da kann ich mich bei keinem Menschen bedanken. Da suche ich einen ganz anderen, den ich mit meinem Gebet umarme. Wem anders als Gott kann ich Danke sagen dafür, dass ich Geschöpf bin und bleibe, auch wenn mir die ‚Selbstoptimierung‘ nicht gelingt?! Wohin soll ich mich wenden, wenn ich dankbar wahrnehme, dass ich da bin, mich tagtäglich entgegennehme aus seiner Hand, dass mir immer noch, immer wieder Lebenszeit geschenkt wird? Dass es diese Welt gibt, auf der die Ernten trotz Klimakrise noch wachsen und reifen?

 

 In wachen Augenblicken geht mir auf: Nein, ich bin nicht der große Macher; ich bin mir geschenkt, beschenkt mit mir selbst, auch mit meinen Talenten, meiner Fantasie. Ich wurde mir zugeeignet und durfte Fuß fassen auf ‚Schwester Erde‘. Ich habe ein Zuhause, eine Heimat und muss sie mir nicht erst erobern. So sehr ich für mich verantwortlich bin, gilt umso mehr: Für mich ist gesorgt. Diese Selbsterfahrung ist verwandt mit dem Bekenntnis: Ich bin Geschöpf, ich bin nicht Herr meiner selbst, meiner Welt, meiner Ernten. Ich lebe aus fremdem ‚Vermögen‘. Zwar gilt: Wer kärglich sät, wird auch kärglich ernten. Aber die andere, die gnadenvolle Wahrheit gilt genauso: Ich bin ein Bedürftiger und darf sogar ernten, wo ich nicht (!) gesät habe. Danke guter Gott!

 

An Erntedank blicken wir also wieder auf den Erntedankaltar und nehmen dabei die Spuren dessen wahr, der diese Resultate seiner Einfallskraft – und uns als seine Geschöpfe – ins Werk gesetzt hat. Die Erntegaben sind vielfältige Liebeserklärungen Gottes an uns, die wir mehr sind als Endverbraucher. Wir dürfen auch Genießer sein! Ja, wir dürfen die Erntegaben kultivieren und genüsslich verzehren. Und natürlich auch weitergeben an die, die bedürftig sind.

 

Als von Gott durch Jesus Christus reich beschenkte Menschen, dürfen wir unsere Güter und Gaben reichlich, fröhlich und freiwillig weitergeben. Wir müssen sie nicht so geben, dass wir selbst dabei in Not geraten, sondern dass ein gerechter Ausgleich zwischen Arm und Reich stattfindet. Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb und durch unser Geben wächst der Dank und das Lob Gottes auch bei vielen anderen Menschen in der Welt.

 

Ich wünsche uns allen von Herzen, dass uns ein dankbares Leben immer wieder zum Dank an Gott bewegt. Der Dank ist mehr als ein diffuses Gefühl. Dank stellt sich ein, wenn ich entdecke, dass ich mein Leben nicht in der Hand habe, dass ich von Gottes Fürsorge und Treue umgeben bin.  Das wäre Erntedank: Ich entdecke in mir eine Kraft, dass ich danken kann. Mir fallen Menschen und Dinge ein, für die ich Gott danke. Gott ist zwar auf meinen Dank nicht angewiesen – und freut sich doch, wenn mein Herz Resonanz gibt. Danke, Gott, dass Du so gut und mitteilsam bist!

 

Ich schließe mit einem Gedicht von Lothar Zenetti:

 

 

 

Einmal wird uns gewiß die Rechnung präsentiert

 

Für den Sonnenschein

 

Und das Rauschen der Blätter,

 

die sanften Maiglöckchen

 

und die dunklen Tannen,

 

für den Schnee und den Wind,

 

den Vogelflug und das Gras

 

und die Schmetterlinge,

 

für die Luft,

 

die wir geatmet haben,

 

und den Blick auf die Sterne

 

und für alle die Tage,

 

die Abende und die Nächte.

 

 

 

Einmal wird es Zeit,

 

dass wir aufbrechen und bezahlen.

 

Bitte die Rechnung.

 

Doch wir haben sie ohne den Wirt gemacht:

 

Ich habe euch eingeladen,

 

sagt der und lacht,

 

soweit die Erde reicht:

 

Es war mir ein Vergnügen!

 

 

 

Amen.