Predigt zu Prediger 7, 15-18, 17. Februar 2019, 3. Sonntag vor der Passionszeit (Septuagesimae)

 

Liebe Gemeinde,

 

I.                   Der fromme Bibelleser reibt sich verwundert die Augen bei dem, was er da gelesen hat. Oder ihm jucken die Ohren bei dem, was er da gerade gehört hat: »Sei nicht allzu gerecht und allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest.« Was ist denn das? Eine Anleitung, es mit den Gesetzen dieser Welt und den Weisungen Gottes nicht zu genau zu nehmen? Eine kumpelhafte Aufforderung, ruhig einmal fünfe grade sein zu lassen und es nicht immer so genau zu nehmen, weil zu viel des Guten am Ende ins Verderben führt?

 

Ja, man liest und hört und wundert sich. Eine ungewöhnliche biblische Botschaft wird hier laut.

 

II.                 Der Prediger, von dem diese Worte überliefert sind, ist ein lebenserfahrener frommer Mann gewesen. Mit Skepsis blickte er auf diejenigen, die behaupteten, dass Frömmigkeit mehr oder weniger automatisch zu einem guten Leben führt. Er hat anderes gesehen: gläubige Menschen, die schwere Schicksale zu tragen hatten, und Gauner, denen es ein Leben lang gut ging. So einfach, das hatte er erlebt, geht das nicht auf mit der Frömmigkeit und dem guten Leben. Ja mehr noch: Wer Gutes will, sich aber dann blind im Streben nach dem Guten verliert, kann am Ende sogar Schaden für sich und andere anrichten.

 

Ähnliches erfahren wir auch in unserer Zeit. Da gibt es Menschen, die zu Recht ihre Ängste angesichts der Globalisierung oder wachsender Kriminalität artikulieren. Aber wenn das Gute, nämlich über all das zu reden, sich zu Extremismus entwickelt, wenn Hassparolen gerufen oder Autos angezündet werden, dann ist aus dem Guten etwas Schlechtes geworden. Dann sehen wir Menschen, deren Wunsch nach Gerechtigkeit sie am Ende ins Unrecht geführt hat. Und so wird es vielleicht auch für uns nachvollziehbar, was an diesen Worten des Predigers dran ist.

 

III.               Nun ist aber für viele im Alltag kaum Zeit, sich überhaupt Fragen danach zustellen, was überhaupt gut, gerecht und weise ist. Ganz anderes steht im Vordergrund. Viele haben den Eindruck, dass die Zeit rast und kaum Gelegenheit bleibt, sich einmal zu überlegen, was sie mit ihrem Leben anfangen wollen. Erfüllt mich meine Arbeit mit Sinn? Möchte ich so mit meinen Freunden und meinen Verwandten umgehen, wie ich es aktuell tue? Was erwarte ich selbst mir vom Leben?

 

IV.               Aber genau danach fragt der Prediger mit all seiner Lebenserfahrung. Erweckt diejenigen, die seine Worte hören, aus dem Automatismus des alltäglichen Lebens auf. Diejenigen, die einfach das tun, was sie meinen tun zu müssen, um gerecht und weise zu sein. Und all das, ohne groß darüber nachzudenken, wofür das am Ende gut ist. Und er unterbricht diejenigen, die gedankenlos in den Tag hineinleben und sich nicht darum scheren, welche Konsequenzen ihr Verhalten für andere hat.

 

Wofür ist dein Verhalten gut? Wem und wozu dient die Ausrichtung deines Lebens? Wo findet das Leben sein Ziel und seine Mitte?

 

V.                  Der Prediger weiß für sich eine Antwort zu geben. Lebensziele erreichen Menschen nicht dann, wenn sie um Teufel komm raus versuchen, Gerechtigkeit und Recht durchzusetzen. Und erfüllt wird ein Leben schon gar nicht dann sein, wenn ich nur auf mich schaue und mir alle anderen völlig egal sind.

 

Aber weder an vermeintlicher Gerechtigkeit noch an vermeintlicher Gottlosigkeit entscheidet sich das Leben. Sondern der Prediger benennt hier etwas anderes: die Gottesfrucht.

 

VI.               Das Wort »Gottesfurcht« kommt gewaltig daher. Und vielleicht nähern wir uns ihm eher vom Rand, von dort, wo die ersten Ausläufer der Gottesfurcht zu erkennen sind. Von Gottesfurcht ist etwas wahrzunehmen, wo Menschen überhaupt mit Gott in ihrem Leben rechnen und ihn nicht völlig aus ihrem Leben ausblenden.

 

Gottesfurcht und Respekt vor Gott zeigen sich da, wo ich als Mensch im Blick habe, dass ich nicht das Maß aller Dinge bin. Dass da noch ein Gegenüber ist, vor dem ich mich zu verantworten habe, jemand, der die Dinge noch ganz anders und sehr viel besser wahrnehmen kann als ich.

 

Gott so respektvoll zu begegnen, ergibt sich aber auch da, wo Menschen resigniert vor den Problemen ihres Lebens stehen und Gottes Zusage hören, dass er sich um all das Schwere im Leben nicht nur kümmern will, sondern auch kümmern wird. Es ist diese Zusage, dass er die Not dieser Welt beenden wird.

 

VII.             Martin Luther spricht in der Auslegung der Zehn Gebote immer wieder von dem Auftrag der Christen, Gott zu fürchten und zu lieben. Und ich denke, es geht nur beides zusammen. Liebe ohne Respekt wird am Ende lieblos. Und Furcht ohne Liebe wird kalt. Aber wenn ich den, den ich liebe, achte und respektiere, und den, dem ich mit Ehrfurcht begegne, auch liebe, dann zeigt sich da eine lebendige Beziehung.

 

VIII.          Als die Sprüche des Predigers in späterer Zeit gesammelt und aufgeschrieben worden sind, haben die Herausgeber der Spruchsammlung noch ein Nachwort verfasst und dem Predigerbuch beigegeben. Dieses schließt mit den Worten: »Fürchte Gott und halte seine Gebote; denn das gilt für alle Menschen. Denn Gott wird alle Werke vor Gericht bringen, alles, was verborgen ist, es sei gut oder böse.«

 

Auch hier wird die Gottesfurcht im Schlusswort des ganzen Buches wieder in den Mittelpunkt gestellt. Und mit dem Gericht Gottes wird ein Horizont eröffnet, der über das konkrete Lebensschicksal, wie es im Predigtwort anklingt, hinausgeht. Zwar mag ein Gottloser lange in seiner Bosheit leben, aber am Ende wird er sich doch verantworten müssen. Und der Gerechte wird auch nur dann mit seiner Gerechtigkeit bestehen können, wenn sie nicht unter der Hand zur Lieblosigkeit geworden ist.

 

IX.               Als Christen lässt sich von diesem Gericht Gottes nicht ohne Jesus Christussprechen, der uns versprochen hat, uns in diesem Gericht zu vertreten und uns freizusprechen. Denn ein Leben, das vor Gott ganz gelungen dasteht, das gibt es nicht. Aber von diesem letzten Urteil Jesu her lässt sich dann tatsächlich auch der konkrete Rat des Predigers umsetzen: Dass wir uns nicht derart in vermeintliches Gerechtigkeitsstreben verbeißen, dass es ins Gegenteil umschlägt. Denn uns ist ja die Gerechtigkeit Gottes geschenkt. Da müssen wir sie nicht erst krampfhaft erkämpfen. Und gleichzeitig wäre es höchst unpassend, wenn wir gottlos also ohne diesen Gott am Kreuz leben wollten.

 

Ja, es gibt ein »Zuviel« an Gerechtigkeitsstreben. Ja, es gibt ein »Zuviel« an Gottlosigkeit. Aber es gibt kein »Zuviel« an Gottvertrauen. Das ist die Mitte zwischen den Extremen. Durch diese Mitte finden wir den Weg zu Gott. Ab durch die Mitte!

 

Aus der Zeitschrift „Zuversicht und Stärke, Februar - März 2019, 1. Reihe – Heft 2 entnommen.