Predigt: Hebräer 13,12-14, Reihe 2, Judika, 29.03.2020

 

 

Liebe Gemeinde,

 

es gibt viele Geschichten vom Leiden in der Welt. Pausenlos wird gelitten und gestorben – durch Krankheiten und Leiden, durch Terrorismus und Krieg, durch Ungerechtigkeit und Gewalt. Es gibt unzählige Leidensgeschichten in unserer Welt, die viele Gesichter haben. Aber nur eine heißt „die Leidensgeschichte“. Und sofort wissen wir, was damit gemeint ist. Die Predigttexte der vergangenen Sonntage haben uns schon an dieses Geschehen „ohnegleichen“ erinnert. Auch der heutige Predigttext zeigt uns einen Aspekt, der uns das Leiden und Sterben Jesu und seine Bedeutung für uns Menschen nahebringen und erschließen will: seinen Sühnetod für die Schuld, die uns von Gott trennt. Gerade weil die Bedeutung des Sterbens Jesu als Sühne für die Menschenschuld in den letzten Jahren in unserer Kirche von manchen bestritten wird, ist es nötig, auf das zu hören, was der Verfasser des Hebräerbriefes im Neuen Testament einer im Glauben müde gewordenen und zur Resignation neigenden Gemeinde geschrieben hat. Und wie er sie ermutigt hat, auf ihrem Weg des Glaubens zu bleiben und in ihrem Kampf des Glaubens nicht nachzulassen. Er tut das nicht mit lauten Parolen und schneidigen Apellen. Er weist nur hin auf das, was Jesus für uns ist und tut. In Hebräer 13,12-14 lesen wir: „Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

 

Mit diesen Worten möchte der Verfasser des Hebräerbriefes unsere Blicke auf Jesu Weg und Werk lenken. Und wenn er das tut, dann könnte auch bei uns neue Zuversicht einkehren, könnten auch wir Mut gewinnen für unseren Weg mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn, dem Heiland der Welt. Welche Hinweise gibt uns unser Bibeltext für diesen Weg?

 

1.   Auf Jesu Werk bauen

 

„Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.“ In diesem einen Satz ist die ganze Passionsgeschichte zusammengefasst, die uns in den 4 Evangelien bis in alle Details erzählt wird. Ein einziger Satz genügt dem Schreiber des Hebräerbriefes. Mehr braucht es nicht. „Draußen vor dem Tor“ – wir sehen einen Zug von Menschen durch das Stadttor von Jerusalem hinausziehen zum Richtplatz, zum Galgen, zum Hügel Golgatha und Jesus mitten unter ihnen. Draußen vor dem Tor war sein Platz, dorthin wo man die Verbrecher brachte und die Kadaver der Opfertiere, die man dort am großen Versöhnungstag verbrannte. Dort hat Jesus sein irdisches Ende am Kreuz gefunden. Tiefer ging es nimmer. Unterste Stufe war das. Hier hat sich der einzig Schuldlose geopfert für alle Menschenschuld, „damit der das Volk heilige durch sein eigenes Blut.“ Damit es keinen Platz auf der Welt mehr gäbe, von dem er nicht erretten kann. Keine Müllkippe menschlicher Schuld und Schande, von der er Menschen nicht herunterholen kann. Er hat es alles ertragen, damit er dich und mich herausbringt. Für uns alle hat er Sühne geleistet und hat uns vor Gott gerecht gemacht, uns mit Gott versöhnt. Und alle sind wir eingeladen, diese Versöhnungstat, die Jesus am Kreuz vollbracht hat, im Glauben und Vertrauen für uns gelten zu lassen. Sein Heilswerk am Kreuz ist das Zeichen der Versöhnung, das über dieser Welt aufgerichtet ist – uns zugut. Darum heißt es für uns: Auf Jesu Werk bauen und

 

2.   Dem Weg Jesu trauen

 

„So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.“ Hinausgehen aus dem Lager – das meint den Aufbruch, der immer mit dem Glauben verbunden ist. Aufbrechen aus dem Üblichen und Gewohnten, Schritte tun, an die man früher nicht gedacht hat, Bindungen lösen, die früher das Leben bestimmt haben. Immer ist der Glaube an Jesus mit Aufbrüchen verbunden, die aus dem Schema dieser Welt herausführen, wie Paulus in Römer 12 schreibt. Heraus aus den mancherlei Gepflogenheiten und Bindungen, die in dieser Welt gelten. Aufbrechen – das meint den Mut zum Anderssein, zum Schwimmen gegen den Strom. Es ist genau das, was Paulus schon den Römern geschrieben hat: „Stellt euch nicht dieser Welt gleicht, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes.“ (Römer 12,12) Und wenn wir das tun, kann es sein, dass wir Nachteile in Kauf nehmen müssen, verlacht und verspottet werden und im Extremfall sogar verfolgt werden, so wie viele Christen in anderen Teilen der Welt. Das meint zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen. Der Knecht ist nicht über seinem Meister. Das alles ist nicht angenehm und wird auch von keinem Menschen ersehnt. Bestimmt ersehnen wir es nicht. Aber wenn du sagst, du bist Christ, wenn du sagst, du kennst das Leben mit Jesus, wenn du sagst, du kennst ihn – dann wundere dich nicht und dann schäme dich nicht: es kann dann leicht ein Gegenwind aufkommen. Und manchmal wird daraus ein riesiger Sturm. Es kostet auch etwas in unserer Gesellschaft – zum Gottesdienst zu gehen, wenn der Verein ruft. Zum Bibelkreis oder Hauskreis zu gehen, wenn die Nachbarschaft lächelt. Den Namen Jesus zu nennen in der Schule oder am Arbeitsplatz, ober bei Verwandten und Bekannten, wenn kein Mensch das wagt. Aber ist er es nicht wert, dieser Herr? Hat Jesus uns denn irgendetwas getan, dass wir uns seiner schämen müssten? Gewiss ist der Weg mit Jesus nicht beifallsumrauscht. Gewiss ist er weder eine Prachtstraße noch Traumstraße der Welt. Aber was soll`s? Nicht der Straßenbelag zählt, sondern das Ziel und dass wir auf diesem Weg dorthin ihn treffen, von dem der Hebräerbrief sagt, dass wir ihm draußen vor dem Lager begegnen. Hinausgehen aus dem Lager, aus beschützten Räumen auch unseres kirchengemeindlichen Lebens, dorthin, wo die Menschen sind, die noch nichts oder nichts mehr von Jesus und seinem Heilswerk wissen, das ist Jesu Weg, dem wir folgen sollen. Er geht diesen Weg mit uns. Ihm können wir vertrauen.

 

3.   Nach Gottes Stadt schauen

 

„Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Noch einmal: Christen sind Menschen, die unterwegs sind. Ihr letztes Ziel liegt nicht in dieser Welt. Es ist Gottes Stadt, sein ewiges Reich, wohin wir unterwegs sind. Auch wenn wir in unseren Eigenheimen sitzen und uns darin wohlfühlen – unser eigentliches Heim ist nicht hier. Da allerschönste kommt noch. Eben die Heimat im Himmel, bei Gott. Das ist der Grund, der uns in allem Kommenden getrost sein lässt. Es muss doch gar nicht sein, dass alles Glück der Welt schon hier zu mir kommt. Das allerschönste kommt erst noch: Das Leben nach dem Tod bei Gott. Die Christenheit hat viel, ja sie hat Entscheidendes verloren, wenn sie diesen weiten Horizont ihrer Hoffnung nicht mehr festhält und erkennbar vertritt. Wer weiß, wo er im Leben und im Sterben daheim ist, geht die Zukunft mit Zuversicht an – trotz Corona-Krise. Nur wer ein Ziel vor Augen hat, kann das Leben bestehen und diese Welt aushalten. Und nur wer einen Aufbruch wagt, ist in Wahrheit unterwegs und kommt schließlich ans Ziel. Gerhard Tersteegen drückt es in einer Liedstrophe so aus:

 

 

 

„Ein Tag, der sagts dem andern

 

mein Leben sei ein Wandern

 

zur großen Ewigkeit.

 

O Ewigkeit, so schöne,

 

mein Herz an dich gewöhne,

 

mein Heim ist nicht in dieser Zeit.“

 

Auf Jesu Werk bauen, dem Weg Jesu trauen, nach Gottes Stadt schauen – dazu will uns der Hebräerbrief ermutigen. Und wir sind auf diesem Weg nicht allein. Jesus der auferstandene Herr ist bei uns mit seiner Verheißung: „Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt
Ende.“

 

Amen.