Predigt Jeremia 29,1.4-7.10-14

21.So.n.Trin. Reihe 2, 01. November 2020

Liebe Gemeinde,

waren Sie schon mal sprichwörtlich in einer richtig verfahrenen Situation? Zum Beispiel in einer fremden Stadt und wussten den Weg nicht? Sie wollten schon aufgeben, doch dann half Ihnen jemand weiter und wies Ihnen den Weg? Oder kennen wir das auch: Wir waren schon einmal drauf und dran zu resignieren und dann kam ein Wort oder eine Nachricht, die uns neue Tatkraft und Energie gab, um in der schwierigen Lage weitere und feste Schritte zu gehen?

Dies war wohl so etwa die Lage, in der sich die Juden in der babylonischen Gefangenschaft  befanden, zu denen der Prophet Jeremia sprach. Sie hatten erlebt, wie Gott es zuließ, dass fremde Heere die Heilige Stadt Jerusalem überrannten. Sie hatten erlebt, dass Gott es zuließ, dass das Heiligtum Gottes, der Tempel in Trümmer gelegt wurde. Sie hatten erlebt, dass Gott es zuließ, dass sie weggeführt wurden aus ihrer Heimat in ein fremdes und unbekanntes Land. Einerseits waren sie tief verunsichert, dass Gott all dies zugelassen hatte; hilflos und nahe dran aufzugeben und zu resignieren. Andererseits hatten sie in der Not neu beten und sich auf Gott ausrichten gelernt. Sie wandten sich mit ihren Klagen an ihren Herrn, hofften auf Heimkehr und Rettung, auf eine schnelle Lösung. Hinzu kam, dass falsche Propheten ihnen genau dies in Aussicht stellten: eine schnelle Lösung, ein es wird schon wieder. Sie schwankten zwischen Hoffen und Resignieren. Und dann kam Gottes Wort zu ihnen durch den Propheten Jeremia. Wir hören Auszüge aus Jeremia 29: - lesen –

Unsere Situation ist nicht die von Vertriebenen oder Flüchtlingen. Aber jeder und jede kennt dieses bange Fragen, Zweifeln, sich sorgen, wie ich eingangs schon erwähnt habe: Bin ich jetzt in diesem für mich so schwierigen Moment meines Lebens alleingelassen? Oder darf ich mich auf Gottes Nähe verlassen? Du bist nicht verlassen, sagt dieser Brief des Jeremia, damals und heute, allen Ängsten und allem Hohn anderer zum Trotz. Du darfst mit Gott rechnen.

Drei nüchterne und konkrete Ratschläge gibt der Prophet hier in seinem Brief, die auch heute noch für uns Gültigkeit haben: 1. Nimm dein Schicksal an und entdecke die Möglichkeiten, die in ihm stecken. Jammere nicht ständig darüber, dass es dir so schlecht geht, dass andere es vermeintlich so viel besser und leichter haben im Leben als du. Flüchte dich nicht in Träumereien nach dem Motto: Was wäre wenn,… Akzeptiere dein Leben, so wie es jetzt gerade ist und mach etwas daraus. Wir dürfen an dem Platz wirken, an dem Gott uns hingestellt hat und da aufblühen, wo er uns ausgestreut hat. Denn Gott hat einen langen Atem mit uns und seine Uhren gehen anders als unsere.

2. Halte am Glauben fest, auch wenn Gott manchmal Wege mit dir geht, die du nicht verstehst. „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“ Gott ist der Grant  für unsere Hoffnung und er selbst sorgt für unsere Zukunft. Jedoch Hoher Stand der Staatsschulden, sinkender Wohlstand, Sozialabbau, Arbeitslosigkeit, Altersarmut. Das sind die Stichworte, die unsere Gesellschaft zurzeit bestimmen, und die viele Menschen zunehmend umtreiben. Zudem wird das momentan noch alles verstärkt durch die nach wie vor andauernde Corona-Krise. Wir kommen mit 70 Tagen Corona kaum zurecht. Was, wenn es 70 Wochen werden, bis ein Impfstoff da ist? 70 Stunden auf der Intensivstation können sehr lang sein, kaum auszuhalten unter Druckbeatmung. Wo ist jetzt Gott, Was sollen wir tun? Wie geht’s weiter? Wer sind die falschen Propheten und wer die richtigen? Was Jeremia sagt, klingt zunächst hart: keine Lösung schon morgen. Sich einrichten in dem Leben, wie es jetzt nun mal ist. Es für möglich halten, dass Gott sich suchen lässt, anrufen und bitten, hier in der Fremde, in diesem nicht selbstgewählten Leben. In so einer Lage nicht falschen Hoffnungen anzuhängen, ist schwer. Stattdessen das Schicksal anzunehmen und Nüchternheit zu lernen, dazu braucht es einen Anstoß von außen: „Baut Häuser, pflanzt Gärten, gründet Familien, freundet euch an mit dem Leben, wie es jetzt gerade ist. Gott gibt hier eine Hoffnungsperspektive, die geduldiges Warten miteinschließt. Das Volk Israel musste auch 70 Jahre warten, bis es wieder heimkehren konnte. Dennoch dürfen wir hier und heute verheißungsorientiert leben und Gott im Gebet suchen und finden. Eine echte Hilfe für uns, die Hoffnung und die Geduld nicht fahren zu lassen ist das Gebet. „Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen.“ Hoffnung und Zukunft beginnt mit der täglichen Hingabe unseres Lebens an Gott bis wir den neuen Himmel und die neue Erde in Gottes Reich einst schauen dürfen. Aber Gott ist schon hier. Nicht nur dort, wohin wir uns sehnen. Darum schaut auf und erhebt eure Hände und betet. Gott hört es, wir sind nicht allein. Ich bin heute schon da, sagt Gott, und nicht erst, wenn der Virus Covid-19 vorbei ist. Ich bin da, wenn ihr etwas Schweres durchmachen müsst: Tage im Krankenhaus, Wochen ohne Besuch, Monate ohne Lösung im Geschäft und in der Familie. Trotz eines schweren Schicksals das Leben üben, nicht bloß irgendwie die Zeit überdauern, sondern das eigene Leben füllen und dabei auf Gott vertrauen, darum geht es. So zu glauben will gelernt sein.

3. „Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn´s ihr wohl geht, so geht´s auch euch wohl.“ Die Mehrzahl der Hörer Jeremias muss diese Weisung zunächst erschrocken und ratlos gehört haben. Die Babylonier waren die Feinde des Volkes; sie haben ihm furchtbare Wunden geschlagen. Da lag es doch näher, ihnen die Pest an den Hals zu wünschen als Heil und Wohlergehen, und nun sollten sie ausgerechnet für diejenigen beten, die ihnen das alles angetan hatten? Wörtlich sagt der Prophet: „Sucht den Frieden des Landes, in das ich euch weggeführt habe und tretet für es ein vor Gott, denn sein Wohl bedeutet euer eigenes.“ Das Neue, das Jeremia hiermit sagt ist eine Frucht seiner früheren Gerichtsankündigung. Gott hat selber das Gericht über sein Volk Israel gebracht. Er handelt in allem Geschehen. Und wenn die Geschlagenen und Verschleppten das bejahen können, dann brauchen sie die Sieger nicht mehr zu hassen. So begegnet hier zum ersten Mal in der Weltgeschichte die neue Möglichkeit der Fürbitte für die Feinde, das Eintreten vor Gott für die Feinde. Hier liegt der Durchbruch zu etwas Neuem im Leben der Völker miteinander. Übrigens kennen wir ja aus der Bergpredigt Jesu eine Aufforderung, die der des Propheten Jeremia ganz nahe kommt: „Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel.“ Es ist ein Bejahen des Friedens und Eintreten vor Gott für den Frieden. Gewiss, das ist niemals leicht umzusetzen, weder im persönlichen Leben jedes Einzelnen noch im Zusammenleben der Völker. Und doch spricht aus Jeremias und Jesu Rat eine tiefe Weisheit: Wenn´s ihnen wohl geht, dann geht´s auch euch selber wohl. Hier ist ein erster Schritt zu einem Weltfrieden getan, im Eintreten vor Gott für die Feinde. Liebe Gemeinde, ich möchte kurz zusammenfassen, wie der Brief aussehen könnte, den Gott uns Heutigen senden würde, wenn wir die einzelnen Aspekte des Gehörten zusammenfügen: „Wo ihr auch seid, wie es euch auch immer gehen mag, macht euch keine Sorgen, denn ihr seid nicht allein. Ich suche euch auch in der Fremde, ich, euer Gott. Ganz egal, welche Schicksalsschläge oder Umstände euch dorthin gebracht haben, wo ihr jetzt seid, ihr bleibt mir wichtig. Deshalb braucht ihr euch weder in Sehnsucht nach einem anderen Leben zu verzehren noch andere oder euch selbst beschuldigen für Missgeschicke oder vorenthaltene Chancen. Nehmt die Situation an, wie sie ist. Haltet fest am Glauben. Lasst euch nicht beirren und davon abbringen. Sucht das zum Gemeinwohl beizutragen, was ihr könnt, jeder einzelne und betet für die Welt, für die Menschen. Arbeitet auch für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Aber vergesst darüber nicht das Beten. Denn das Wichtigste ist bereits geschehen, entschieden und liegt nicht in eurer Hand oder der Hand derer, die sich unter euch mächtig und verantwortlich vorkommen, sondern in meiner Hand, spricht Gott der Herr. Ich habe Gedanken des Friedens über euch und nicht des Leides; damit ihr Zukunft und Hoffnung habt, wie ich es für euch will.“

Gott sei Dank!  Amen.